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  akin-Pressedienst.
  Aussendungszeitpunkt: Mittwoch, 29. September 2021; 23:05
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  Letzte Worte:
  
  > Bürokratenwalzer
  
  Dramolett über einen gescheiterten Impfversuch und die Freiwilligkeit beim
  AMS in 6 Aufzügen
  
  Von *Mario Czerny*
  
  
  1. Aufzug
  
  (Straße, im Hintergrund links sieht man die U-Bahnstation Ottakring.
  Auftritt Untertanin und Untertan.)
  
  Untertan: So, jetzt ist es 10 nach 10, der Impfbus müßte hier eigentlich
  stehen. Nur steht er da nicht.
  
  Untertanin: Erklär mir derweilen nochmal genau, wieso wir uns jetzt da
  eigentlich impfen lassen müssen.
  
  Untertan: Schau, der zweite Impftermin, den sie uns vor 4 Monaten für heute
  um 16 Uhr zugewiesen haben, paßt für mich nicht, weil ich da keine Zeit
  habe, und bei dir geht sich das auch schlecht aus, weil du vorher noch zum
  Arbeitsamt mußt und nicht weißt, wie lange das dauert. Also hab ich
  probiert, einen anderen Termin zu bekommen. Im Internet. Ja, kein Problem,
  haben die mir geschrieben, ich müßte nur erst den schon gebuchten Termin
  stornieren. Gut, hab ich probiert, steht da, ich könne den Zweittermin nur
  stornieren, wenn ich vorher den Ersttermin storniere. Der Ersttermin läßt
  sich aber nicht stornieren, weil der ist ja schon vorbei.
  
  Also, denke ich mir, es geht ja laut Gemeindehomepage auch ohne Termin --
  und die nächstgelegene Möglichkeit ist der Impfbus, der heute hier stehen
  soll.
  
  Untertanin: Okay, dann warten wir halt. Ich versteh eh nicht, was das AMS
  will, ich hätte eh in zwei Wochen einen Telefontermin gehabt und plötzlich
  laden sie mich persönlich vor.
  
  Untertan: Ah, da kommt der Bus!
  
  (Man sieht im Hintergrund den Impfbus von links nach rechts vorbeifahren.)
  
  Untertan: Wieso bleibt der jetzt nicht stehen? (sieht in die Richtung, wohin
  der Bus entschwindet) Okay, der kann da nicht parken, weil da auf dem
  reservierten Platz ein Roller steht, gehen wir ihm nach. (Beide nach rechts
  ab. Vorhang.)
  
  
  2. Aufzug
  
  (Straße, im Hintergrund sieht man die U-Bahnstation Ottakring jetzt rechts.
  Davor steht der Impfbus. Auftritt Untertanin und Untertan.)
  
  Untertan (keuchend): Da ist er ja, jetzt sind wir eine Viertelstunde im
  Kreis gelaufen, nur daß wir jetzt wieder fast dort sind, wo wir losgegangen
  sind. Wurscht, jetzt holen wir uns unser Jaukerl.
  
  (Die hintere Tür des Buses öffnet sich, es werden sichtbar die Sanitäterin
  und die Ärztin.)
  
  Untertan: Wir würden uns gerne impfen lassen.
  
  Sanitäterin: Nein, Sie müssen noch ein bisserl warten. Wir können noch nicht
  anfangen.
  
  Untertanin: Na gut, dann warten wir halt.
  
  (Vorhang.)
  
  
  3. Aufzug
  
  (Selber Ort. Jetzt ist auch der Busfahrer ausgestiegen und steht auf der
  Straße.)
  
  Untertan zur Sanitäterin: Jetzt warten wir schon eine Viertelstunde, können
  Sie uns sagen, wie lange wir da noch stehen sollen.
  
  Ärztin: Naja, wir können noch nicht, weil der Platz verparkt ist. Und wie
  lange das dauert, bis der Abschleppdienst kommt, wissen wir nicht.
  
  Untertan: Na, dann können Sie doch hier anfangen, oder?
  
  Busfahrer: Nein, das geht nicht, weil das hier nicht der genehmigte Platz
  ist. Unsere Vorgesetzten wissen eh schon, daß wir da stehen und die schicken
  hoffentlich bald den Abschleppwagen.
  
  Untertan: Okay, ich verstehe zwar nicht, wieso man uns nicht einstweilen
  impfen kann, aber es steht auf dem Platz eh nur ein Roller. Und das ist 50
  Meter weiter. Könnten wir den Roller nicht einfach beiseite räumen?
  
  Busfahrer: Nein, das muß der Abschleppdienst machen. Wir müssen warten.
  
  Ärztin: Aber wir sind eh bis 19 Uhr 30 da.
  
  
  4. Aufzug
  
  (Straße, wieder die Stelle aus dem 1. Aufzug)
  
  Untertan: Endlich, der Rollerfahrer ist selber weggefahren. Auf den
  Abschleppdienst hätten wir wahrscheinlich noch ewig gewartet. Und da kommt
  jetzt schon der Bus. Super, jetzt ists zwar fast schon Mittag und ich bin
  durchgefroren, aber jetzt kommt eh die Sonne raus und wir können uns das
  Jaukerl holen.
  
  Untertanin: Aber zuerst müssen wir noch den Zettel ausfüllen.
  
  (Untertan und Untertanin gehen zum Bus, holen sich die jetzt
  bereitgestellten Formulare, füllen sie aus und gehen zum Türsteherwachtel
  beim Vordereingang des Buses. Der nimmt Zettel, eCard und Impfpaß des
  Untertanen entgegen, wirft einen Blick darauf und gibt die Unterlagen sofort
  wieder zurück.)
  
  Türsteherwachtel: Kreuzimmunisierungen machen wir hier nicht. Wir impfen
  hier nur mit Pfizer und Johnson.
  
  Untertan: Verstehe ich nicht, ich bin zuerst mit Astra geimpft worden und
  dann hat es geheissen, am besten sei da eine Kreuzimpfung mit Pfizer und
  jetzt geht das nicht?
  
  Türsteherwachtel: Wir machen das hier nicht.
  
  Untertan (hebt seine Stimme): Tschuldigung, soll das heissen, nur weil ich
  mich ganz brav zum ersten für mich möglichen Termin am anderen Ende der
  Stadt impfen lassen habe, kann ich mich hier jetzt nicht impfen lassen?
  
  Türsteherwachtel: Werden Sie bitte nicht laut!
  
  Untertan (etwas leiser): Okay, da redets ihr uns ein, daß es ganz wichtig
  ist, sich impfen zu lassen, und dann geht das nicht, weil ich mich genau so
  verhalten habe, wie man das von uns verlangt hat?
  
  Türsteherwachtel: Ich habe Ihnen gar nichts eingeredet.
  
  Untertan (im Abgehen, laut): Gemma, sonst flansch i dem Wachtel no ane!
  
  (Vorhang.)
  
  
  5. Aufzug
  
  (Wohnzimmer von Untertanin und Untertanen, später Abend. Die Untertanin
  sitzt in der Wohnung, der Untertan ist gerade nach Hause gekommen.)
  
  Untertan: Servus, ich bin wieder da, was war beim AMS?
  
  Untertanin: Naja, die wollten mich zuerst gar nicht reinlassen. Weil da sind
  zwei Wachtel vor der Tür gestanden und wollten einen 3G-Nachweis. Hab ich
  denen gesagt, das hat mir niemand vorher gesagt, ich muß da aber rein, weil
  ich bin vorgeladen. Sagen die, ich käme da nicht ohne 3G rein. Sag ich
  denen, gut, bitte, ich hab einen Impfpaß, hab ihnen den gezeigt, aber
  nachdem ich mich ja nicht impfen hab lassen können, hab ich ihnen gesagt,
  das ich ihnen den nicht gebe, weil das, was da drinsteht unterliegt dem
  Datenschutz und das geht sie nichts an. Da haben sie mich dann reingelassen.
  
  Untertan (lacht): Ha, herrliches Bürokratenjudo! Und was war dann bei dem
  AMS-Wachtel selber?
  
  Untertanin: Na, der war auch sehr lustig. Weil: Er hat mich vorgeladen, weil
  ich nicht zu der seltsamen Jobmesse gegangen bin, zu der sie mich eingeladen
  haben. Ich drauf: Aber da stand doch, das wäre freiwillig und diese Jobmesse
  war nun wirklich nicht das, was mir irgendwas gebracht hätte. Sagt der
  Wachtel: Ja schon, aber der Geschäftsführer von dem Verein von der Jobmesse
  hätte ihm geschrieben, daß ich da nicht gewesen bin, und daß er, der
  AMS-Betreuer, deswegen einschreiten muß. Weil das wäre mangelnde Mitarbeit
  bei der Jobsuche. Und deswegen hat er mich zur nächsten Jobmesse geschickt,
  wo ich jetzt aber hingehen muß, weil das mit dem freiwillig spielts jetzt
  nicht mehr.
  
  
  6. Aufzug
  
  (Das gleiche Wohnzimmer, Untertan allein, etwas später.)
  
  Untertan (telefoniert): Du, ich hab dir eh schon geschildert, wie ich heute
  an diesen Wachtel gescheitert bin. Sag mal, du hast dich doch auch
  Kreuzimpfen lassen, obwohl du es gar nicht hättest dürfen? Wie hast du denn
  das gemacht?
  
  (Pause.)
  
  Aha, aha, ... Bitte was? Du bist hingegangen, hast gesagt, du hättest keinen
  Impfpaß und die haben dich einfach so nochmal geimpft, weil sie nicht
  wußten, daß du schon deine erste Impfung hattest? Super, das hätte ich
  vorher wissen müssen. Aber danke für den Tip, jetzt mach ich das auch so.
  
  (legt das Telefon weg, steht auf, geht an die Bühnenrampe und spricht ins
  Publikum:)
  
  Wir haben heute also etwas gelernt: Wenn man etwas vom Staat will und selbst
  dann, wenn das etwas ist, was der Staat auch möchte, muß man die Beamten
  bescheissen, sei es, in dem man beispielsweise sagt, man hätte keinen
  Impfpaß oder sie dürften nicht in den Paß hineinschauen, weil der dem
  Datenschutz unterliege.
  
  Und wir wissen jetzt auch, was der Staat so unter "freiwillig" und "nicht
  verpflichtend" versteht.
  
  (Vorhang.)
  
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