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akin-Pressedienst.
Aussendungszeitpunkt: Mittwoch, 16. Oktober 2019; 18:17
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Kommentierte Presseschau

> Wer oder was ist schuld am Wachstumszwang?

Es hat sich inzwischen allgemein herumgesprochen, dass der Kapitalismus
irgendwie Schuld trägt an dem schnurstracks in die Klimakrise führenden
Wachstumszwang. Unterschiedlich sind bloß die Ansichten darüber, was damit
genau gemeint ist. Die meisten Leute scheinen zu denken, dass die Gier der
Manager, Banker und Anleger Verantwortung trage für die permanente
Steigerung des Produktions- und Dienstleistungsvolumens. Eine Minderheit von
besonders gescheiten Querdenkern ist aber (wie immer) der Überzeugung, dass
genau das Gegenteil der Mehrheitsmeinung zutreffe. So formuliert etwa der
bekannte Deutsche Großsoziologe Hartmut Rosa: "Es ist nicht die Gier nach
mehr, sondern die Angst vor dem Immer-weniger, die das Steigerungsspiel
aufrecht erhält". Und in der ZEIT Nr.39 vom 19.9.2019 findet sich eine
besonders gefinkelte Lösungsvariante dieses unterhaltsamen
Wer-ist-schuld-Spiels:

Marc Brost und Bernd Ulrich kommen hier in einem mit "Mehr oder Weniger"
betitelten Artikel zu dem Schluss, dass der Wachstumszwang letztlich nur
Resultat unseres misanthropischen Menschenbilds ist. Denn wir alle haben
Angst vor unserer eigenen Reaktion auf das Fehlen ständigen Überflusses:
"Wenn wir (die Mehrheit) nicht mehr in Saus und Braus leben, sondern nur in
Hülle und Fülle", flüstert uns diese Angst zu, "dann, ja dann kommen wir
nicht mehr gewaltlos aneinander vorbei, dann reiben uns Neid und Knappheit
auf, dann stirbt die Solidarität, weil sich das egoistische Individuum
derlei Altruismus angeblich nur mehr im stetigen Mehr abzuringen vermag".
Nach Ansicht der beiden Autoren hält diese Vorstellung, die Solidarität
könnte ohne permanente Fütterung durch immer mehr Konsumgüter in den
gefürchteten Kampf aller gegen alle münden, "die Gesellschaft in latenter
Panik. Wenn das Wachstum ausbleibt, sind wir alle verloren." Das Wachstum
ist also gar nicht so unvermeidlich, wie wir in panischer Angst vor dem in
uns steckenden Egoisten meinen. Und erst dann, wenn wir diese Angst
überwinden, wird das Wachstumsproblem beherrschbar. Denn "am Ende kann über
Wachstum nur rational diskutiert werden, wenn auch über das ihm zugrunde
liegende negative Menschenbild gesprochen wird. Können wir wirklich nur im
Überfluss solidarisch sein?"

Tatsächlich aber sind weder die Gier, noch die Angst vor dem Abstieg oder
vor unserem inneren Egoisten verantwortlich für den mit der kapitalistischen
Wirtschaftsordnung etablierten Wachstumszwang. Zwar erzeugt der Kapitalismus
tatsächlich Gier, Abstiegsangst und in seinen jüngsten Entwicklungsphasen
auch immer mehr Egoismus und Gewaltbereitschaft. All dies sind aber bloß
sozialpsychologische Effekte eines Wirtschaftssystems, das nicht nur Waren
produziert sondern auch die Charaktere seiner Produzenten systemkonform
zurichtet. Die eigentlichen Ursachen für Fehlentwicklungen wie den
Wachstumszwang sind daher nicht auf der Ebene der von diesem System
produzierten Charaktermasken zu suchen, sondern in seinen Spielregeln, d.h.
in den Regeln, nach denen es die Produktion organisiert.

Die wichtigste dieser Regeln ist die Institutionalisierung des
Privateigentums an den Produktionsmitteln. Sie ist gleichbedeutend damit,
dass man die große Masse der arbeitenden Menschen von diesen
Produktionsmitteln trennt. Die Arbeitskräfte können daher nicht gemeinsam
über die Verwendung des von ihnen produzierten Mehrwerts entscheiden, oder
gar beschließen, ihre Arbeit so stark zu verkürzen bzw. zu entschleunigen,
dass ein verringertes Mehrprodukt entsteht. Denn alle Entscheidungen über
Produktion und Verwendung des Mehrwerts liegen bei den privaten Eigentümern
der Produktionsmittel, die aufgrund dieses Eigentums auch über sämtliche
damit erzeugten Werte einschließlich des Mehrwerts verfügen. Jene Eigentümer
sind aber ihrerseits nicht frei in ihrer Entscheidung. Wollen sie nicht im
Konkurrenzkampf untergehen, also mit anderen Worten aus der privilegierten
Eigentümerklasse ausscheiden, dann müssen sie möglichst viel Mehrwert
akkumulieren, um anschließend einen neuen Produktionszyklus auf erweiterter
Stufenleiter starten zu können - mit noch produktiveren Maschinen, noch
größerem Ausstoß an Produkten und entsprechend größerem Verbrauch von
Rohstoffen und sonstigen Umweltressourcen.

Es gibt also eigentlich keine "Schuldigen" innerhalb dieses Spiels. Schuld
sind nur wir alle, die wir akzeptieren, dass unser kollektives Produzieren,
auf Basis solcher Spielregeln organisiert ist.
*Karl Czasny*



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