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akin-Pressedienst.
Aussendungszeitpunkt: Mittwoch, 16. Oktober 2019; 18:10
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Medien/Internationales:

Offener Brief

von u.a. dem aus Syrien stammenden und in Österreich lebenden Dramatiker
*Ibrahim Amir* an den ORF-Generaldirektor:

Sehr geehrter Dr. Wrabetz, seit einer Woche tobt ein völkerrechtswidriger
Angriffskrieg gegen die Demokratische Föderation Nord- und Ostsyrien, welche
die dort ansässigen Kurden Rojava nennen. Diese Invasion, die das bislang
einzige erfolgreiche politische Gebilde der bürgerkriegsversehrten Region zu
vernichten droht, funktionierende säkulare, multikulturelle und
demokratische Strukturen, eine autonome Region, deren Streitkräfte
maßgeblich an der Unterwerfung des Islamischen Staates beteiligt waren, hat
binnen weniger Tage eine humanitäre Katastrophe ausgelöst. Über 100.000
Menschen sind auf der Flucht, und sie wären es wohl nicht, wenn sie die
türkische Armee als ihre Befreier empfänden.

Wir, die Unterzeichner und Unterzeichnerinnen dieses Offenen Briefes,
protestieren gegen die selektive, einseitige und falsche Berichterstattung
des ORF, sowohl im Fernsehen als auch auf ORF.at (Ö1 ausgenommen). Will der
ORF nicht in den Ruch eines verlängerten Arms der AKP-Hofberichterstattung
kommen, muss er sofort beginnen, sich den wahren faktischen wie
ideologischen Proportionen dieses Krieges zu stellen, wie es andere Medien
von Anfang an getan haben.

Obwohl der Österreichische Rundfunk in den letzten Tagen sich dem
gesamteuropäischen Trend einer kritischeren Beurteilung der aggressiven
türkischen Politik nicht verschließen konnte, bleibt er in seinen Berichten
bei der Grundannahme, dass die Invasion den "Selbstschutz" und die
Vertreibung der "Kurdenmilizen" bezwecke, sowie einen 30 Kilometer breiten
Landstreifen von diesen zu "befreien", um syrische Flüchtlinge anzusiedeln.

Solch eine tendenziöse Darstellung suggeriert, dass es sich bei den
"Kurdenmilizen" um quasi ortsfremde, paramilitärische Verbände handle,
welche - so wie viele andere Banden im chaotischen Mosaik des totalen
syrischen Bürgerkriegs - mit der Macht ihrer Waffen das Land kontrollierten.

Mit keinem Wort erwähnte der ORF, dass die YPG und die Frauenverbände der
YPJ sowie das Armeebündnis der SDF Selbstverteidigungseinheiten sind, welche
eine zivilgesellschaftlich einzigartige Oase schützen und sich unmittelbar
aus der mehrheitlich kurdischen Bevölkerung rekrutierten, die das zu
annektierende und mit Arabern zu besiedelnde Land seit jeher bewohnt. Es ist
ihr Land.

Mit keinem Wort erwähnte der ORF, dass es sich hier nicht nur um Kurden
handelt, sondern Rojava eine autonome Zone ist, in der Araber, Turkmenen,
Tscherkessen, christliche Assyrer, Armenier und Eziden leben, welche die in
der Region vorbildlichsten Minderheitenrechte genießen und größtenteils
aktiv an den zivilen und militärischen Institutionen partizipieren. Die
Vertreibungen und Gräueltaten betreffen nicht nur sie, sondern allgemein die
real gewordene Vision einer multiethnischen, aber säkularen Gesellschaft.

Mit keinem Wort erwähnt der ORF den wahren Charakter der Bodentruppen, die
er in seinen Berichten nach wie vor mit dem nichtssagenden Euphemismus
"syrische Rebellen" bezeichnet. Es handelt sich bei ihnen, wie schon bei der
türkischen Invasion von 2016 und den barbarischen ethnischen Säuberungen in
Afrin 2018 um eine Armee aus vormals versprengten islamistischen
Paramilitärs der Milizen Ahrar al-Scham, al-Nusra-Front, Ahrar-al-Sharqiya
und nachweislich auch des IS, deren logistischer, finanzieller und
ideologischer Unterstützer die AKP-Regierung von Anfang an war. Dem Terror,
den sie in Afrin ausübten, würden auch die restlichen Regionen Rojavas nicht
entgehen. Die Scharia, das Ziel des IS, triumphiert in schicken
Khakiuniformen im Sold eines Nato-Landes, mit deutschen und amerikanischen
Waffen und unter der zaghaften Duldung der westlichen Regierungen. Wie in
Afrin werden sie und ihre Familien Land und Häuser der Vertriebenen in
Besitz nehmen.

Mit keinem Wort erwähnte der ORF (im Gegensatz zu anderen führenden
europäischen Medien) die Ermordung der 34-jährigen Politikerin Prof. Havrin
Khalaf, Parteisekretärin der gesamtsyrischen Zukunftspartei, am 12. Oktober.
Diese legendäre Friedensaktivistin hatte ihr junges Leben unermüdlich der
Versöhnung und Integration diverser religiöser und ethnischer Gruppen auf
den Schutthalden von IS und Bürgerkrieg gewidmet. Ihr Tod war kein
Kollateralschaden, ihr Auto wurde von Drohnen der türkischen Armee auf der
Straße zwischen Quamishlo und Manbidsch geortet, von den
"Anti-Terror-Einheiten" der Ahrar-al-Sharqiya-Miliz angehalten, sie und ihr
Fahrer aus dem Wagen gezerrt, erschossen, ihre Körper geschändet.
Pro-Regierungs-Medien in der Türkei (wie Habler-TV und Yenisafak)
frohlockten über die "gelungene Operation zur Neutralisierung einer
Terroristin". Kein Einzelfall, sondern die von Ankara gedeckte Strategie der
Dschihadisten, Terror und Angst in der Bevölkerung zu schüren und Gegner
ihrer islamistischen Agenda planvoll zu liquidieren.

Mit keinem Wort erwähnte der ORF die mutwillige Bombardierung von Spitälern,
Flüchtlingskonvois, ziviler Einrichtungen sowie die Zerstörung der
Wasserversorgung.

Mit keinem Wort erwähnte der ORF, dass diese Invasion völkerrechtswidrig ist
oder lässt zumindest Experten und Expertinnen zu Wort kommen, die
klarstellen, dass die Türkei weder vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen
ermächtigt sind noch sich auf ein Recht auf Selbstverteidigung nach Artikel
51 der Charta der Vereinten Nationen berufen können, da kein bewaffneter
Angriff im Sinne dieser Vorschriften vorgelegen hat.

Stattdessen lässt der ORF seinen Korrespondenten vor Ort Jörg Winter am 10.
Oktober Verständnis für die türkische Invasion bekunden, wie er es vor einem
Jahr schon bei der Eroberung Afrins getan hat, vom Leid der Zivilisten
beider Seiten sprechen und von "syrischen Rebellen", von einem Gebiet, "das
von den Kurden kontrolliert wird" (wird Österreich von Österreichern
kontrolliert?), von der ominösen "Sicherheitszone" und davon, dass
"Präsident Erdogan politisch unterdrückt" sei. (Wir wissen, er meinte,
"politisch unter Druck", dieser Versprecher hat aber in Anbetracht seiner
wiederholten Realitätsverzerrungen, die sich anhören wie das Herunterlesen
der türkischen Heeresberichterstattung, doch - wie wir meinen - Methode.)

Es ist leider keine polemische Übertreibung, wenn wir Sie auffordern, den
ORF nicht zu einem medialen Komplizen dieser Barbarei werden zu lassen und
die propagandistische Agenda der Dschihadisten zu übernehmen. Noch ist
dieser Schaden an Ihrem Bildungsauftrag und der Verpflichtung zu
journalistischer Objektivität reversibel. Undenkbar wäre es gewesen, hätte
der ORF im ersten Jugoslawienkrieg sich die Perspektive der Sarajevo
belagernden Truppen angeeignet. Kurzum: Noch wäre dieser Schandfleck
abzupolieren.

Wie ersuchen Sie also nicht etwa, das unermessliche Leid der Opfer zu
respektieren, sondern schlichtweg die Wahrheit zu kolportieren, die
meistens, aber in diesem Fall eben nicht nur Auslegungssache ist. Dies
erforderte auch Korrespondenten auf Seiten der angegriffenen Partei (wie
etwa Alexandra Rojkov vom Spiegel). So Ihnen die Berichterstattung auf der
Seite der Angreifer ein geringeres Risiko zu sein scheint als auf Seite der
Angegriffenen, so fordern wir Sie auf, Ihre Journalisten und Journalistinnen
wenigstens dazu anzuhalten, die Berichte anderer seriöser Medien zu
rezipieren. In diesem Fall wäre Abschreiben und Imitieren keine Schande,
sondern ein ethischer wie journalistischer Gewinn.

Hochachtungsvoll

Richard Schuberth, Schriftsteller;
Ibrahim Amir, Dramatiker;
Kübra Atasoy, Geschäftsführerin, Asyl in Not;
Sabine Strasser, Sozialanthropologin;
Marianne Six-Hohenbalken, Sozialanthropologin; Sebastian Reinfeldt,
Politologe



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