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akin-Pressedienst.
Aussendungszeitpunkt: Mittwoch, 14. September 2016; 12:31
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Kultur/Glosse:

> Live long and prosper!

Star Trek versus 9/11

Jahrestage sind etwas Seltsames. Sie erhalten ihre Wirkmacht daraus, daß man
über etwas reden will, weil die Erde seit einem Ereignis gerade mal wieder
eine Umrundung um die Sonne gemacht hat. Verschärft wird das Ganze, wenn
diese Umrundungen eine Zahl erreicht haben, die eine ganze Vielzahl der Zahl
der Finger menschlicher Hände ist. Würden wir nach einen Mondkalender und
dem Duodezimalsystem rechnen, würde man zu ganz anderen Zeitpunkten sich
genötigt sehen, um über ein bestimmtes Ereignis in der Vergangenheit zu
reden.

So aber hatten wir letzte Woche unter anderem zwei runde Jahrestage: 50
Jahre Ausstrahlung der ersten Folge von Star Trek und 15 Jahre Einsturz der
Twin Towers -- beides Ereignisse in den USA, die uns hier aber auch
beschäftigen. Retrospektiv betrachtet wäre es hilfreich gewesen, hätten man
schon vor 15 Jahren einen gar so runden Geburtstag des Star-Trek-Franchise
zelebriert. Dann wäre wohl auch in den USA Anfang September 2001 in den
Qualitätsmedien groß das humanistische Menschenbild von Star Trek gefeiert
worden und man hätte nach den gleich danach einsetzenden Ereignissen von New
York nicht so schnell eben dieses Menschenbild entsorgen können, wie es dann
passiert ist. Aber vielleicht ist das nur meine Illusion, Kultur und
Philosophie könnten massiver patriotischer Propaganda irgendetwas anhaben.

Diese beiden Jahrestage stehen aber auch für Paradigmenwechsel -- in den USA
und auch bei uns. Star Trek stand für die 68er-Bewegung, für den Widerstand
gegen den Vietnamkrieg und den Militarismus, für eine Beseitigung der
rassistischen Gesellschaftsordnung und für ein Ende der Hegemonialansprüche
beider Supermächte. Die Politik nach 9/11 war dann der Rollback im Denken
der Mehrheit der US-Amerikaner und in Folge auch der Bewohner der westlichen
Welt.

Ich muß ja gestehen, ich bin ein Trekkie. Mittlerweile hab ich mir außer
"Deep Space Nine" so ziemlich alle Episoden des gesamten Franchise
angesehen. Doch angefangen hat es natürlich mit TOS (für Nichteingeweihte:
"The Original Series", also Kirk, Spock und Co.). Als ich in die Volksschule
kam, wurden mit erheblicher Verspätung gegenüber den USA die ersten Folgen
"Raumschiff Enterprise" auch bei uns ausgestrahlt -- zum Teil in recht
verstümmelnder Kürzung und Synchronisation. Ich hätte sie in meinem
damaligen zarten Alter politisch aber auch sonst nicht verstanden. In meiner
Erinnerung an die Serie damals vermischte sie sich auch mit den anderen zu
dieser Zeit sehr beliebten Space Operas wie "Ufo" oder "Raumbasis Alpha".
Dennoch paßte die Serie sehr gut in die Zeit des "modernen Österreichs", zu
dem Kreisky das Land machen wollte. Der wollte zwar nicht zum Mond fliegen
wie die Amis und strebte auch nicht nach "unendlichen Weiten", aber ihm
stand doch sehr der Sinn nach einer fortschrittlichen und friedlichen Welt.

Später dann, als die komplette Serie hierzulande verfügbar war, hab ich mir
TOS so richtig noch einmal gegeben. Und mich mit der Rezeptionsgeschichte
beschäftigt. Da fällt etwas auf: Fast immer wenn es um Star Trek geht, wird
der erste Kuß zwischen einem weissen Mann und einer schwarzen Frau im
US-Fernsehen hervorgehoben. Das war damals ein ziemlicher Aufreger. Zwar ist
dieses Detail gar nicht so relevant für den gesellschaftlich Impact der
Serie, aber es ist typisch für die Trickslerei, mit denen die
de-facto-Zensur durch die Studios und die Networks umgangen werden konnte --
denn in dieser Geschichte ("Platons Stiefkinder") küssen sich Uhura und Kirk
nicht freiwillig, sondern werden durch Gedankenkontrolle dazu gezwungen.
Überhaupt Uhura! Als Gene Roddenberry in seinem ersten Pilotfilm (der erst
zwei Jahrzehnte später on air ging) eine Frau als Ersten Offizier auf die
Brücke setzte, war das für das Studio noch unannehmbar. Also schuf
Roddenberry als femininen Ersatz Uhura ("Uhuru" ist das Kiswahili-wort für
Freiheit), die zwar nicht die erste Stellvertretung des Käptns innehatte,
aber eben doch ein weiblicher und schwarzer Brückenoffizier war. Roddenberry
zeichnete Uhura als Kommunikationsoffzier, quasi als Sekretärin oder
Telefonistin -- so ging das gerade noch durch. Aber dann kommt in vielen
kleinen Szenen vor, daß die umgängliche und üblicherweise sehr freundliche
Uhura bisweilen gegenüber einem einfachen Crewman doch klarmachen darf, daß
sie im Offiziersrang steht oder im Notfall auch mal die Navigation
übernehmen kann, wenn der Zuständige ausfällt -- die Darstellung als
Telefonistin des 24.Jahrhunderts war damit zerstört. Gewagt war auch --
gerade mal zwei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg (und den Erfahrungen
mit den Kamikaze-Fliegern) -- ausgerechnet einen Japaner zum Piloten zu
machen. Daß George Takei, der Darsteller des Zulu, wie viele seiner
Leidensgenossen, während des zweiten Weltkriegs als japanischstämmiger
US-Amerikaner im Volksschulalter im Internierungslager gesessen hatte, wurde
erst viele Jahre nach Beendigung der Originalserie einem breiterem Publikum
bekannt. Damals muß diese Rolle für Japanischstämmige eine Befriedigung und
auch eine Art der Entschuldigung für das Verhalten der US-Regierung ihnen
gegenüber im Zweiten Weltkrieg gewesen sein.

Und damit sind wir wieder bei 9/11. Denn waren es im Zweiten Weltkrieg
Japanischstämmige, die unter Generalverdacht gerieten, waren es nach den New
Yorker Anschlägen muslimische US-Amerikaner, denen man pauschal
unterstellte, Staatsfeinde zu sein.

Aber das nur nebenbei. Zurück zu Kirk und Spock und dem geradezu
hinterhältigen Setting der Serie. Denn eigentlich bestand die Crew der
Enterprise aus Militärs, Soldaten. Aber diese hatten eine Forschungsauftrag.
Die militärische Befehlskette wurden eisern eingehalten; Commander Spock
beriet seinen Captain oft recht kritisch, aber wenn er nicht einen
gravierenden Grund hatte -- der letztendlich immer vom Reglement gedeckt
war -- befolgte er die Befehle aufs Wort. Doch gleichzeitig verhielten sich
diese Militärs meist netter, als man es heutzutage vom UN-Friedenstruppen
erwartet. Ein Raumschiff voller Soldaten verbreitete eine zutiefst
humanistische und oft sogar antimilitaristische Botschaft, ohne sich dabei
selbst in Frage zu stellen. Gerade mit dieser verrückten Ambiguität konnte
Roddenberry seine Geschichten erzählen.

Man könnte TOS -- ähnlich übrigens wie die ziemlich in der selben Zeit
entstandene britische Serie "Nummer 6" ("The Prisoner") -- auch als an der
Wiege der Postmoderne stehend sehen. Folgen wie "Landru und die Ewigkeit"
wären dafür ein schönes Beispiel: Die Crew der Enterprise mischt auf einem
fernen Planeten eine Gesellschaft auf, in der nur Ruhe, Frieden und
Freude -- lediglich hie und da durch rituelle Bacchanale unterbrochen --
herrschen, aber jegliche Individualität und Kreativität durch einen Big
Brother namens Landru unterdrückt wird. Die Botschaft hier: Perfekte
Friedhofsruhe und reinliche Gemeinschaft um den Preis, daß Individualität
unterdrückt wird, sei nicht rechtens. Doch im Gegensatz zur Botschaft der
Postmoderne, die einen biedermayerlichen Rückzug ins Private als Gegenbild
zur Gemeinschaftlichkeit verordnete, ist die Botschaft unter anderem der
Landru-Episode konträr. Hier heißt es: Es lebe der Konflikt und die
unperfekte Schmutzigkeit, die einzig den gesellschaftlichen Fortschritt
ermöglichen.

Natürlich könnte man das auch als platt antikommunistisch interpretieren --
der freie Amerikaner gegen den russischen Massenmenschen. Ganz falsch ist
das wahrscheinlich nicht, aber auch hier ist wieder die Trickslerei des
Masterminds Roddenberry zu bemerken: Als antikommunistisch war es für das
US-Publikum zu akzeptieren, die Botschaft wirkte aber doch unmittelbar auch
gegen die damalige spießige Doris-Day-Kulturhegemonie.

Was damals produziert wurde und eigentlich nur als leichte Unterhaltung
gedacht war, um Waschmittel zu verkaufen, war Provokation mit Raffinesse.
Den Pappmaschee-Kulissen sah man ihre billige Produktion an, die special
effects waren lächerlich, der Hauptdarsteller neigte zum Outrieren -- aber
die Geschichten trugen die Serie. Käptn Kirk und die Föderation waren --
wohl auch der Tatsache sehr unterschiedlicher Drehbuchautoren geschuldet --
Sinnbild einer zukünftigen verantwortungsvollen Supermacht, wie sie sein
könnte, aber bisweilen auch Spiegelbild einer garstigen Macht. Ganz
besonders fällt das auf in meiner Lieblingsfolge "Kampf um Organia", die den
Kalten Krieg paraphrasierte und kaum verhohlen die beiden Supermächte in
ihren Weltherrschaftsansprüchen als moralisch gleichermassen verrottet
darstellt. Eine andere Episode beschäftigt mich bis heute, weil ich nicht
weiß, wie sie gemeint war: "Bele jagt Lokai". Darin wird der Konflikt
zwischen schwarz und weiß thematisiert: Ein Polizist der Herrenrasse jagt
einen Anführer aufständischer Angehöriger der Sklavenrasse. Ideologisch
aufgelöst wird das durch Kirk und Spock, daß der unzähmbare Haß der beiden
Gruppen aufeinander sie letztendlich beide zerstören werde. Diese
Gleichsetzung von Jäger und Gejagtem, von Herren und Sklaven ist so
penetrant, daß man dagegen protestieren will. Und hat dann gleich das
Gefühl, daß genau das die eigentlich Idee hinter dieser scheinbar dummen und
klassenvergessenen Botschaft sein könnte: Unterdrückung und Widerstand
dagegen sind natürlich nicht der gleiche Haß -- aber wir in dieser Serie
haben natürlich nicht die Empörung gegen die rassische Diskriminierung
gutgeheissen, das muß der Zuseher schon selber tun.

Genau das zeichnete TOS (wenn auch nicht unbedingt alle Episoden) aus -- oft
war die moralische Botschaft nicht eindeutig oder wurde recht sublim an den
Adressaten gebracht. Seit TOS gab es mehrere Serien im Star-Trek-Franchise
und vieles davon war nicht so schlecht. Ich hab mir das alles gerne
angesehen, aber die dialektische Qualität ging immer mehr verloren und wurde
sukzessive durch gediegene Kulissen und Special Effects ersetzt. Die
heutigen Kinofilme werden von einem Regisseur realisiert, der ein Fan von
Star Wars ist, nicht von Star Trek. Wenn heute dieser Hype reproduziert
wird, hat man immer das ungute Gefühl, damit sollen die aktuellen Filme oder
die kommende neue Serie promotet werden.

Star Trek war immer auch Kommerz, sonst wäre das nie produziert worden. Doch
jetzt scheint der Mythos sich überlebt zu haben. Man könnte meinen, er wäre
nur mehr dazu da, eine Maschinerie, der Roddenberrys Ideen nie implementiert
wurden, am Laufen zu halten. Und eigentlich war ja mit TOS schon alles
gesagt.

Was hat das alles mit 9/11 zu tun hat? Man sieht sich die alten Folgen an
und wird das Gefühl nicht los, daß in den letzten 15 Jahren TOS wieder so
aktuell geworden ist, wie es vor 50 Jahren war.

Lebt Roddenberrys Geist also doch noch weiter? Scheint so. Oder wie die
Vulkanier sagen: Lebe lang und erfolgreich!

*Bernhard Redl*

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Radio on demand: Schallmooser Gespräche #116, 50 Jahre Star Trek:
https://cba.fro.at/316299



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