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akin-Pressedienst.
Aussendungszeitpunkt: Dienstag, 19. Mai 2009; 18:33
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Nachruf:

> Vor Zuschauern, die nicht wissen, dass sie Zuschauer sind

Augusto Boal ist tot. Dass die Unesco ihn im vergangenen Maerz zum
«Sonderbotschafter des Theaters» ernannt hat, dass er «mehrere
Generationen international inspiriert hat», wie der brasilianische
Praesident Luiz Inacio Lula da Silva sagte, dass er mehr oder weniger
alle realen und symbolischen Diktaturen bekaempft hat, die ihm in
seinem Leben begegnet sind, war in zahllosen Zeitungen nachzulesen.
Doch eigentlich hat Augusto Boal diese Nachrufe gar nicht noetig, denn
er hat kein Geheimnis mit ins Grab genommen. Sein «Theater der
Unterdrueckten», in dem die Zuschauerinnen selbst zu Protagonistinnen
werden, ist laengst zur fuehrenden Regiemethode des politischen
Theaters geworden. Sein beruehmtes Credo «Wir alle sind Schauspieler»
koennte ueber jeder einigermassen avancierten Inszenierung stehen.
Welche Theatertruppe geht heute nicht «auf die Strasse» oder arbeitet
mit «Betroffenen» - auch wenn es nur um die eigene Betroffenheit geht?

Explosionen des Verdraengten

Doch Boal war der Erste. Er hat das Lehrstueck fuer die zweite Haelfte
des 20. Jahrhunderts scharfgemacht, indem er es mit einer grossen
Prise street credibility anreicherte, er hat vor den Wagen der Mutter
Courage wieder den guten alten Klepper «Authentizitaet» gespannt. Dass
Gesellschaftskritik den hochentwickelten Illusionsanspruechen moderner
Zuschauerinnen nur beikommt, indem sie so tut, als waere sie echt, ja:
realer als die Wirklichkeit selbst - der Brasilianer Boal begriff das,
als die europaeische Studentinnenbewegung noch Flugblaetter verteilte
und didaktische Zielgruppenfilme drehte.

Sein «Unsichtbares Theater», eine Art Verfremdungsapparat fuer den
oeffentlichen Raum, zog seine Energie aus einer Umwertung aller
Methoden des Agitationstheaters. Nicht mehr die Realitaet sollte als
«falsch» denunziert werden, sondern das Utopische selbst sollte
natuerlich, real erscheinen: als eigentliche Natur des Menschen. Dazu
schrieb Boal: «Die Schauspieler spielen ihre Rollen genau wie im
konventionellen Theater, aber nicht im Theater, und vor Zuschauern,
die nicht wissen, dass sie Theaterzuschauer sind.»

Die Stuecke dieses «Unsichtbaren Theaters» - inszenierte Explosionen
des verdraengten gesellschaftlichen Imaginaeren - wurden in Metros,
Gartenlokalen, Bahnhoefen, Supermaerkten und natuerlich auf der
Strasse aufgeruehrt. So entstanden, nachdem Boal 1971 aus Brasilien
ausgereist war, ueber die ganze Welt verteilt kleine Kunstwerke
praktischer Kritik. Eines der schoensten davon war das «Unsichtbare
Polizeitheater» 1978 in Lieges: Ein Schauspieler, der sich als
Arbeitsloser ausgibt, bietet an einer Supermarktkasse seine
«Arbeitskraft» an, um seinen Einkauf zu bezahlen. Die Filialleiterin
will nicht darauf eingehen, und es beginnt eine spontane Sammelaktion.
Schliesslich erscheint die Polizei, doch weil kein Delikt vorliegt,
ist nichts zu machen. Als der «Arbeitslose» trotzdem abtransportiert
werden soll, kommt es zum Tumult. Wie in einem situationistischen
Tagtraum ist aus einer Menge passiver Konsumentinnen ein Haufen
Aktivistinnen, eine revolutionaere Gemeinschaft geworden.

Boals Loesung des alten agitatorischen Problems («Gut, die Welt ist
ungerecht. Aber was soll ich tun?») war schlagend: Der faule Hund
Utopie schlief nicht in irgendwelchen miesepetrigen Beweisfuehrungen,
sondern hinter jeder Supermarktkasse. Augusto Boal erschien zu einem
Zeitpunkt auf der europaeischen Buehne, als die Studentinnenbewegung
politisch gescheitert war und ihre Protagonistinnen sich daranmachten,
ihre globalen Ansprueche auf das Private und seine zahllosen Umwelten
herunterzuformatieren.

Nun begann das Zeitalter der Mikropolitik, die Epoche der
Kommunikationsguerilleros und der Interventionistinnen: Boal gab den
Utopiespielen der erwachenden vielfaeltigsten Bewegungen mit seinem
«Theater der Unterdrueckten» einen ganzen Faecher formaler Methoden an
die Hand. Seither fuehrt Mutter Courage eine Art Doppelleben, halb in
den Schauspielhaeusern und Seminaren, halb in den Quartierzentren, in
leer stehenden Fabriken und bald schon im Internet. Kein
Gefaengnisinsasse, kein Arbeitsloser, kein Prekaerer, der seither
nicht zumindest indirekt boalisiert worden waere. Das «Theater der
Unterdrueckten» mit seinen zahllosen Untermethoden - zum Beispiel das
«Legislative Theater», in dem konkrete Gesetzesvorschlaege performativ
«erspielt» werden, oder eben das «Unsichtbare Theater» - ist die
Erfolgsgeschichte des politischen Theaters der letzten und wohl auch
der kommenden fuenfzig Jahre. Und Erfolg meint hier natuerlich:
tatsaechliche utopische Wirksamkeit. Realisierte Demokratie.

Ein neuer Spielplan

Augusto Boal ist tot, doch er hat kein Geheimnis mit ins Grab
genommen. Wenn die Wirklichkeit bloss Theater ist, so koennte man
seine Philosophie zusammenfassen, dann gibt es keinen Grund, warum der
Spielplan nicht veraendert werden koennte - von jedem, zu jedem
Zeitpunkt. «Ich hasse den Kuenstler als hoeheres Wesen», schrieb Boal
Ende der siebziger Jahre, als sein Ruhm auf dem Hoehepunkt war, und:

«Keiner weiss es besser als der andere.» Diesen Satz nicht nur zu
verstehen, daraus nicht bloss Kunst oder fussliges Jekami zu machen,
sondern ihn konsequent und konkret zu praktizieren - das ist das
Schwierigste, weil es scheinbar das Einfachste ist.
(Milo Rau, Woz, 20/2009)


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