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Aussendezeitpunkt: Do, 06.05.99, 17:00 *
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Jugoslawien:

> Wer malt mit?

Mehrere Seiten des groszen Geschichtsmalbuches

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Ein serbisches Maedchen erzaehlt mir vorige Woche, die albanische
Bevoelkerung im Kosovo wuerde die Massenflucht seit Wochen nur
vortaeuschen. Es seien alles Betrueger. Aus Sorge rufe sie jeden
Tag ihre Familie in Belgrad an. Im uebrigen gehoere der Kosovo
fuer immer zu Serbien. Die Albaner sollten einfach nach Albanien
verschwinden, sie sei nicht gerade fuer Milosevic - aber im Falle
des Kosovos habe er recht.

Eine albanische Frau sitzt mit ihrem Baby apathisch am Eingang
eines Fluechtlingslagers. Sie ist nicht ansprechbar. Einer
erzaehlt, Serben haetten ihrem Kind, einem kleinen Maedchen, die
Ohren abgeschnitten. Das Kind habe daraufhin geschrien, worauf die
Serben ihm eine Hand abgehackt haetten. Es sei verblutet. Noch
Anfang der 90er Jahren erzaehlt mir ein serbischer Bosnier auf
einer Zugfahrt nach Sarajewo, die moslemische Miliz haette
schwangeren serbischen Frauen den Bauch aufgeschlitzt. Er habe es
selbst gesehen. Auf der Rueckfahrt erzaehlt eine moslemische
Familie dasselbe von den Serben. Auch sie seien dabei gewesen.

Milosevic sei durchaus mit Hitler zu vergleichen, er sei ein
stalinistisches Monster, lauten Analyseversuche der
Boulevardmedien - Milosevic muesse einfach zu militaerischen
Mitteln greifen, um die serbische Bevoelkerung zu schuetzen,
verlautete es in manchen politischen Magazinen. Kriegsstimmung
erzeuge man dadurch in der Bevoelkerung, dasz man permanent Bilder
oder Berichte von geflohenen Kosovo-Albanern bringe, und je
schlechter ihr Zustand sei, desto lieber, erklaert eine Gruppe.
Nichts vom Kosovo, dafuer ausschlieszlich Bilder von NATO-
Angriffen auf serbische Einrichtungen strahlte das serbische
Fernsehen vorige Woche jeden Abend ueber zwei Stunden aus.

Die Mehrheit der albanischen Bevoelkerung habe den
Wahlboykottaufrufen im Kosovo Folge geleistet und sich
demokratisch nicht beteiligt. Dort haette die Moeglichkeit
bestanden, Milosevic zu stuerzen, erfahren wir aus einer
zuverlaessigen Quelle. Eine andere ebenso serioese Quelle meint,
die albanische Bevoelkerung sei massiv bei den Wahlen behindert
und bedroht worden. Die UCK sei eine aeuszerst unterstuetzenswerte
nationale Befreiungsbewegung, denen es blosz an ausreichenden
Waffenlieferungen fehle, ist laut westlichem Mainstream zu hoeren.
Die albanischen Terroristen seien schuld am Untergang des Balkans,
ist die andere hoerenswerte Version. Eigentlich habe natuerlich
der Cetnik-Nationalismus das Land ins Verderben gefuehrt - aber
andererseits mueszten die Serben der ganzen Welt jetzt geschlossen
hinter Milosevic stehen.

Vollkommen geklaert sei, dasz die NATO grundsaetzlich
verbrecherisch ist, historisch betrachtet seien ihre Aktionen
durchaus mit Hitlers Bombardierung des Balkans vergleichbar.
Aufgrund der blockierenden UNO-Strukturen sei die NATO der einzige
Garant fuer Menschenrechte, meinen der Groszteil des Westens,
Joschka Fischer und Solana. Faschismus sei immer an das
imperialistische Kapital gebunden, erfahren wir - einzusetzen
seien fuer Faschismus natuerlich die NATO und fuer
imperialistisches Kapital selbstredend die USA. Faschismus sei
eigentlich die Verweigerung demokratischer Mittel mit brutaler
Unterdrueckung, ist im grundsaetzlichen Abschnitt zu lesen.

Der serbische Widerstand habe klar antiimperialistischen und
antifaschistischen Charakter, koennen wir einer profunden
politischen Quelle entnehmen. Das faschistische und jegliche
Opposition unterdrueckende System in Belgrad werde ohnedies bald
kapitulieren, mutmaszen westliche Dokumentatoren und Polit-
Auguren. Dasz die vorher schon erwaehnte profunde Quelle meint,
die Neutralitaet der "Linken" helfe zum Staerkeren, scheint zwar
weise, aber auf den ersten Blick unverstaendlich. Andererseits
entlaeszt uns der Folgesatz in voellige Klarheit: die Linke
brauche blosz dem eigentlich doch dringend erforderlichen
antifaschistischen und demokratischen Reflex nachzugeben. Nur ein
ganz biszchen zynisch und ganz viel orakelhaft heiszt es zum
Schlusz: Zum Staerkeren helfe natuerlich, wer durch die
Solidaritaet mit den Angegriffenen und Unterdrueckten
philantropische Bedingungen stelle.

Ein durchaus noch quicklebendiger Dichterfuerst laeszt in Belgrad
urauffuehren. Anlaeszlich des naheliegend Anlaeszlichen widmet er
sein Stueck sogar zur Tragoedie um. Anlaeszlich des nicht so
Naheliegenden meint er aber, man solle sich die Betroffenheit in
den Arsch schieben. Fuer ihre praezisen Analysen beruechtigte
Gruppen treten fuer das Selbstbestimmungsrecht der Voelker am
Balkan ein, etwas einschraenkend ist jedoch zu erfahren, dasz dies
dann aufgrund der Ereignisse nunmehr nur fuer die Serben zu gelten
habe. Vor Beginn der NATO-Einsaetze habe ich gemeint, dasz den
Vertreibungen nicht zugesehen werden duerfe. Dies trifft zwar nach
wie vor fuer mich zu, trotzdem meine ich nach den NATO-
Bombardierungen nunmehr, dies auf gar keinen Fall so gemeint zu
haben. Angesichts der grauenhaften und unvorstellbaren Ereignisse
fuehren Positionierungen um jeden Preis zum Anfang der Geschichte
zurueck: ein serbisches Maedchen erzaehlt mir... *Fritz Pletzl*


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